Brighton

Ich habe sehr lang gebaucht, um diesen Beitrag verfassen zu können. Denn wie kann ich all das in Worte fassen? Diese wunderschöne Stadt am Meer und das Fernweh nach ihr…

Ich glaube nicht, dass ich besonders gut darin bin, etwas über schöne Orte zu schreiben, an denen ich war. Ich finde einfach nie die richtigen Worte, obwohl mir das im Normalfall nicht besonders schwer fällt. Doch lassen sich fiktive Orte oftmals einfach besser beschreiben, da sie nur ein kleiner Bruchteil sind, ein kleiner Bruchteil eines großen Ganzen, mit etlichen Lücken die nicht beschrieben wurden. Das ist bei einem echten Ort anders, denn da ist alles da und man hat das Bedürfnis, nein sogar den festen Willen alles zu beschreiben und doch hat man Angst, etwas zu vergessen und steht sich deshalb selbst im Weg. Und gerade deshalb möchte ich heute über die Stadt Brighton schreiben.

Ich stand da. Einfach nur so, und da war es wieder, das große weite Meer, welches ich so lang nicht gesehen hatte. Unter meinen Füßen häuften sich die Steine und die Wellen brachen an den Stelzen vom Pier. Ich atmete die frische, leicht salzige Luft ein, welche mich umgab. Das kreischen der Möwen war ohrenbetäubend und doch so vertraut, als hätte ich ein kleines Stückchen zu Hause mitgenommen. Viele Geräusche kann man durch das Kreischen der Möwen nicht hören, bloß das laute Rauschen der Wellen und die sanften Gitarrenklänge der Straßenmusiker, welche singend mit ihren Hunden am Boulevard sitzen um sich etwas dazuzuverdienen. Ich hebe einen Stein vom Boden auf, der über und über damit bedeckt ist. Der Stein ist schwarz und weiß, in seiner Mitte ein Loch, welches fast vollständig durch einen kleinen Kiesel verschlossen wird, der darin stecken geblieben ist. Ich muss irgendwie lächeln und werde von purem Glück übermannt. Der Wind weht meine Haare in alle Richtungen und wieder einmal bin ich froh, dass sie nicht allzu lang sind. Das große Schild vom Brighton Pier blinkt bunt in allen möglichen Farben, um viele Leute in das Casino über dem Meer einzuladen. Das Essen ist unbezahlbar teuer, weshalb ich beschließe, Fish and Chips hundert Meter weiter für den halben Preis zu probieren. Die Stadt ist insgesamt teurer, als meine Heimatstadt, das ist mir sofort aufgefallen, sogar als wir bei unserer Ankunft durch die dunklen Straßen mit den vielen kleinen beleuchteten Schaufenstern gefahren sind, immer wieder mit einem kleinen Herzpochen, da die Autos einem von der falschen Seite entgegenkommen.IMG_5845

Langsam kommt das sanfte Dunkel über die Stadt, es legt sich über sie wie ein Vorhang, der jedoch nicht die Geräusche einsperren kann  und von all den Lichtern durchbrochen wird. Morgens wenn ich aufwache ist das erste, was ich höre, die Möwen. Dann weiß ich, dass ich am Meer bin. Sie sind das letzte, was ich höre, bevor ich einschlafe und das macht mich unbeschreiblich glücklich.

Wenn ich durch die Straßen laufe, fühle ich mich wie Alice im Wunderland. Überall gibt es neue Dinge zu entdecken. Neue Töne, neue Gerüche, neue Geschmäcker. Neue Klamotten, neue Leute, ein anderes Gefühl als zu Hause. Alle Last scheint von mir abgefallen zu sein, ich fühle mich unbeschwert und frei und ich frage mich, wann es mir das letzte Mal so bedingungslos gut ging. Ich lächle zufrieden und denke für einen kurzen Moment, dass ich am liebsten die Zeit anhalten würde. Sie einfach anhalten, innehalten, den Moment spüren um ihn nie wieder gehen zu lassen, dieses Gefühl nie wieder gehen zu lassen und einfach hier und jetzt bleiben können. Aber das geht nicht. Vielleicht ist es ja auch gut so.

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brighton. bright light on.

Die Gedankenfetzen verlieren sich im erröten des Abendhimmels. Da ist bloß noch der Atem, meine Brust die sich hebt und senkt und ich spüre bewusst das Leben in mir. Faszination. Glückseligkeit. Dankbarkeit. Freude. All die Gefühle die mich auf meiner Reise begleitet haben, haben sie so besonders gemacht. Dieser Ort hat sie so besonders gemacht. Und da sind sie nun, die Erinnerungen, die Zeit die ich mir zurücksehne und das Fernweh, das mich tagtäglich begleitet. aber ich werden wiederkommen. Versprochen.

Jette

Raise up your hands

Dieser Text ist in einer Kooperation mit der lieben Bloggerin Clara entstanden. Sie schreibt tolle Texte, so wie diesen hier. Wenn du noch mehr von ihr lesen möchtest, findest du sie hier. Auf ihrem Blog findet ihr auch einen kleinen Text von mir.

Ich liege im saftigen, grünen Gras des Parks und halte meine rechte Hand in die Luft. Wow, wie wunderschön blau der Himmel heute ist! Die Sonnenstrahlen blenden meine Augen, ich kneife sie zusammen und taste mit meiner linken Hand nach meinen heißgeliebten runden John Lennon Sonnenbrillen. Schon besser. Das Vogelgezwitscher liegt angenehm in meinen Ohren. Ich kreise mein rechtes Handgelenk, den Arm immer noch ausgestreckt, spreize die Finger, bilde die Faust. Was Hände nur alles machen können. Gutes wie schlechtes. Tolle Dinge schaffen. Tolle Dinge zerstören. Wunderbares erreichen, Schreckliches verursachen. Es liegt wortwörtlich in unseren Händen, was wir tun. Wie wir handeln. Unsere Moral sagt uns, ob das, was wir tun, gut oder schlecht ist. Doch was passiert, wenn Menschen nur schlechte Dinge tun. Wenn sie ihr schlechtes Handeln selbst als Gutes bewerten? Haben solche Menschen eine Moral? Eine fragwürdige Sache.

In der Geschichte ist so vieles passiert, Schlechtes wie Gutes. Doch hat das Böse des Öfteren Überhand genommen. Ziel eines beinahe jeden Menschen ist es, in Freiheit zu leben. Doch was machen wir? Was machen andere? Wir hassen, wir unterscheiden, wir zerstören, wir töten, wir diskriminieren. Wir unternehmen eigentlich alles gegen den Frieden, den wir doch so gerne wollen. Einige wollen vielleicht doch keinen Frieden. Sie kämpfen, gegen alles, was nicht so denkt wie sie. Sie kämpfen, da irgend ein Mensch ihnen ein Hirngespinst in den Kopf gepflanzt hat, was dort nun wie Unkraut wuchert. Doch sie kämpfen nicht mit den Händen. Dazu wären sie zu schwach. Nein. Vom kleinen Mäuschen werden sie zum bösen Raubtier. Sie greifen zu Mitteln, die ihnen Macht geben: Waffen. Waffen alleine können uns nichts antun. Es braucht immer den Menschen, seine Hand, seinen Finger der den Auslöser drückt. Das Leben vieler liegt dabei in seinen Händen. Unsre Hände können etwas schaffen. Sie können etwas tun. Doch müssen viele von uns noch lernen, noch verstehen, wie sie die Fähigkeit des Schaffens ihrer Hände zum Wohl aller nützen können.

(by Clara)

Macht

Dieser Blogeintrag könnte für Personen mit einer Essstörung oder ähnlichem unangemessen oder schwierig sein.

Ein Apfel, ein Smoothie und ein paar Weintrauben. Das ist alles, was ich heute gegessen habe. Punkt 23 Uhr ist es jetzt und ich fühle mich, als müsste ich mich übergeben. Ich habe das Gefühl, dass ich zu viel gegessen habe. Wie gestern. Und wie vorgestern. Eigentlich kann ich die Tage, an denen ich mich schon so fühle nicht mehr zählen. Es ist einfach schon zu lange so. Und so unwohl ich mich auch fühle, das Übergeben gibt mir eine gewisse Genugtuung. Gibt mir das Gefühl von Kontrolle und Macht über meinen eigenen Körper, denn kein anderer kann über diese eine Sache bestimmen. Dafür ertrage ich die Blicke. Die Blicke meiner Eltern, die unglaublich lange nicht bemerkt haben, was ich da tat. Die Blicke meiner Mitschüler, wenn ich in der Pause ein paar Heidelbeeren hinunterwürgte. Die Blicke meiner Ärzte, wenn sie in der dritten Person mit meinen Eltern über mich sprachen und dachten, ich würde sie nicht hören. Doch ich bekam jedes Wort mit. Das alles ist mir egal, solange ich die Macht über mich habe, denn das ist das Einzige, was zählt. Beim Zähneputzen habe ich mich im Spiegel betrachtet und gewogen, wie jeden Tag. Und jeden Tag wünsche ich mir, es würde schneller gehen. Das Abnehmen. 39,85 kg bringe ich auf die Waage. Meine achtjährige Schwester wiegt genau drei Kilo mehr als ich. Sie ist die Prinzessin meiner Eltern. Die Tolle, die Talentierte, die ohne Probleme. Mittlerweile versuche ich, mich nicht mehr über die unfairen Unterschiede unserer Behandlung aufzuregen. Sie bekommt alles, was sie will oder, was sie nicht will, das ist ganz egal. Neue Klamotten, Spielzeug, sogar ein neues iPhone. Und all diese Dinge hatten mich früher unglaublich wütend gemacht. Denn ich musste von meinem spärlichen Taschengeld alles selbst bezahlen. Kino, Klamotten, Eis. Immerhin habe ich das Problem mit dem Eis nun nicht mehr. Die Wut war irgendwann so groß, dass ich sie raus gelassen habe. An den Büchern, an den Kissen, am Spiegel und an mir. Am Fenster, an der Tür, an meiner Gitarre und an mir. Es hatte gut getan, etwas anderes als Hunger zu spüren. Und dann taten meine Eltern das, wovor ich am meisten Angst gehabt hatte. Ich wurde eingewiesen, in die Klinik, sie haben mir all meine Macht und Kontrolle genommen. Das war das wohl schlimmste, was sie hätten tun können. Ich wurde zum Essen gezwungen, durfte aufs Klo nur mit Begleitung. Ich war auf der Station für Essgestörte die Irre, die die sie fast in die Geschlossene gesteckt hätten. Die, die ihr Zimmer randaliert hatte. Fünfzehn verdammte Monate verbrachte ich unfreiwillig in der Klapse. So lang, bis ich 55 kg wog. Ich fühlte mich wie ein gemästetes Huhn, fett und Kugelrund. Sie dachten, sie hätten mich geheilt und verstanden dabei nicht, dass ich nicht krank war. Wann wird das mal jemand verstehen? Da ist niemand, der das versteht und mit dem ich reden kann, niemand der nicht bloß meine „Krankheit“ sieht. Da ist niemand der meine Gedanken und Gefühle nachvollziehen kann. Hier nicht und erst recht nicht da drinnen. Und deshalb bin ich weiter ganz allein mit mir selbst, kontrolliere mich und lächle über jeden, der denkt mich zu verstehen.

Diese Geschichte ist rein fiktiv. Mir geht es gut und ich habe auch keine Probleme mit dem essen.

„Ich muss etwas schreiben“ denke ich und setze mich vor meinen Laptop. Ich sehe mir meinen Blog an und suche nach irgendeinem Thema oder einem Stichwort in meinem Kopf. Ein paar Worte schreibe ich nieder und lade den Beitrag hoch, obwohl ich weiß, dass er nicht gut geworden ist.

Immer und immer und immer wieder erlebe ich dieses Phänomen bei mir. Ich versuche meinen Blog am laufen zu halten und poste Dinge mit denen ich mich nicht immer identifizieren kann, Dinge die eigentlich nicht zu meinem Blog passen aber ich lade sie hoch damit ich irgendetwas hochladen kann. Und dann kommt die Unzufriedenheit, gefolgt von einem Neuanfang und der Teufelskreis wiederholt sich. Und so gern ich es auch möchste, ich komme nicht heraus. Ich sehe anderen Blogger die tolle Sachen schreiben und wunderschöne Fotos posten und dann sehe ich meinen Blog an und wünsche mir auch so tiefe Texte und coole Fotos. Ist es Unsicherheit oder einfach Unzufriedenheit mit dem, was ich produziere? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass das, was mich unzufrieden macht weg muss und deshalb werde ich immer Mal Blogbeiträge löschen. Ich will keinen kompletten Neuanfang denn dann würde sich das Muster erneut wiederholen, aber ich muss aussortieren, so wie man bei einem Umzug ausmistet, um in der neuen Wohnung neu anfangen zu können.

Jette